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vor 6 Stunden
10 Min. Lesezeit

BRÜCKEN DER MENSCHLICHKEIT

Waffen, Wohlstand, Frieden: Welche Zukunft schaffen wir gerade?


Was dient dem Menschen und dem Leben – und welche Folgen haben die Entscheidungen, die wir heute treffen?


Diese Frage beschäftigt mich gerade sehr.


Und ich möchte heute viele Fragen stellen.


Nicht, weil ich keine Haltung habe.


Im Gegenteil.


Ich stelle viele Fragen, weil ich eine Haltung habe und gleichzeitig weiß, dass auch mein Bild unvollständig sein kann.


Ich kann offenbar gar nicht anders, als Dinge zu hinterfragen. Aussagen. Entscheidungen. Systeme. Medienberichte. Andere Menschen.


Und übrigens auch mich selbst.


Was weiß ich tatsächlich?


Was glaube ich zu wissen?


Was habe ich selbst überprüft?


Was habe ich übernommen, weil ich es oft genug gehört habe?


Welche Informationen fehlen mir?


Welche Perspektive habe ich vielleicht noch gar nicht betrachtet?


Und bin ich bereit, meine bisherige Meinung zu verändern, wenn weitere Puzzleteile hinzukommen?


Diese Fragen begleiten mich schon lange.


Aber gerade wenn ich auf die aktuellen Entwicklungen rund um Krieg, Frieden, Aufrüstung, Wirtschaft und gesellschaftliche Prioritäten schaue, werden sie für mich immer dringlicher.



Mein Puzzleteil


Vielleicht berührt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil Waffen und ihre Folgen für mich nicht nur etwas sind, das ich aus Nachrichten kenne.


In meiner Familie habe ich Menschen erlebt, die einen Krieg und seine Folgen in ihrem weiteren Leben mitgetragen haben.


Meine Urgroßmutter.


Meine Großmütter und Großväter.


Und ich weiß aus eigener Erfahrung, was eine Schussverletzung mit einem menschlichen Körper machen kann – und welche psychischen und mentalen Folgen ein solches Erlebnis haben kann.


Ich möchte meine persönliche Geschichte hier nicht erzählen.


Sie ist auch kein Beweis dafür, wie politische oder militärische Fragen zu beurteilen sind.


Sie ist ein Puzzleteil meines Bildes.


Und dieses Puzzleteil hat meinen Blick verändert.


Mein Mann hat die unmittelbaren Folgen meiner Verletzung und das damit verbundene Leid selbst miterlebt. Danach entschied er sich, den Kriegsdienst zu verweigern.


Bis heute leben wir als Familie auch mit langfristigen Folgen dessen, was damals geschehen ist.


Manche Wunden verheilen.


Manche Folgen bleiben.


Und Narben können uns ein Leben lang begleiten.


Vielleicht erinnern mich meine eigenen Narben deshalb auch daran, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit möglichst wenige Menschen solche Verletzungen und solches Leid durch Waffen und Kriege erfahren müssen.


Ich alleine kann keine Kriege verhindern.


Aber das entbindet mich nicht davon, meinen Teil zu einer friedlicheren Welt beizutragen.


So gut ich kann.


So gut es mir gelingt.


Mitten in meinem ganz normalen Alltag.



Eine Waffe ist mehr als ein Wirtschaftsgut


Wenn wir über Verteidigungsausgaben, Rüstungsunternehmen und Waffenlieferungen sprechen, sprechen wir schnell über Milliardenbeträge, Produktionskapazitäten, Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Sicherheit.


Das alles sind Puzzleteile.


Aber eines möchte ich dabei niemals vergessen:


Am Ende einer Flugbahn kann ein menschlicher Körper stehen.


Ein Mensch mit einem Namen.


Mit Eltern.


Vielleicht mit einem Partner oder einer Partnerin.


Vielleicht mit Kindern.


Mit Hoffnungen, Plänen, Ängsten und einem Leben, das ihm genauso viel bedeutet wie mir meines.


Und deshalb beschäftigt mich die Entwicklung unserer Rüstungsindustrie.


Deutschland erhöht seine Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit erheblich. Für 2026 sind allein für die gesetzlich definierten verteidigungs- und sicherheitsrelevanten Ausgaben rund 100,9 Milliarden Euro veranschlagt. Betrachtet man die Verteidigungsausgaben einschließlich des Sondervermögens Bundeswehr, weist das Bundesfinanzministerium für 2026 108,2 Milliarden Euro aus. In den kommenden Jahren sollen diese Ausgaben weiter steigen.


Unternehmen erweitern ihre Produktionskapazitäten.


Arbeitsplätze entstehen.


Umsätze steigen.


Gewinne steigen.


Das alles lässt sich wirtschaftlich messen.


Aber ich möchte eine andere Frage hinzufügen:


Welche Welt entsteht, wenn wir diesen Weg weitergehen?


Wenn wir heute wirtschaftliche Strukturen aufbauen, die dauerhaft von hohen Rüstungsausgaben getragen werden – welche Interessen entstehen daraus morgen?


Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn immer mehr Arbeitsplätze, Unternehmenswerte, Investitionen und wirtschaftliche Erwartungen mit Rüstung verbunden sind?


Und wie sorgen wir dafür, dass aus einem wirtschaftlichen Interesse an dieser Industrie niemals ein Interesse am Fortbestehen von Konflikten wird?




Was bedeutet Wohlstand?


Diese Frage richtet sich für mich nicht nur an Politik und Unternehmen.


Sie richtet sich auch an uns.


Zum Beispiel als Anlegerinnen und Anleger.


Rüstungsunternehmen können derzeit erhebliche Wachstumsraten erzielen.


Rheinmetall meldete für das erste Halbjahr 2026 beispielsweise 39 Prozent mehr Umsatz und einen Anstieg des operativen Ergebnisses um 74 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.


Für Aktionäre kann eine solche Entwicklung finanziell attraktiv sein.


Und trotzdem – oder gerade deshalb – möchte ich fragen:


Was verstehen wir eigentlich unter Wohlstand?


Ist Wohlstand ausschließlich das, was sich in Rendite, Aktienkursen, Dividenden, Bruttoinlandsprodukt und Arbeitsplätzen ausdrücken lässt?


Oder gehört zu Wohlstand auch die Frage, womit wir unser Geld verdienen?


Was unterstützt mein investiertes Geld?


Welche wirtschaftliche Entwicklung möchte ich mitfinanzieren?


Welche Rolle spielen Ethik und Gewissen bei wirtschaftlichen Entscheidungen?


Und:


Ist wirtschaftlicher Gewinn automatisch gesellschaftlicher Gewinn?


Ich habe darauf keine allgemeingültige Antwort.


Aber ich halte die Frage für wichtig.




Und wer bezahlt das alles?


Auch bei öffentlichen Finanzen lohnt es sich, genauer hinzusehen.


Der Begriff „Sondervermögen“ lässt mich persönlich immer wieder stolpern.


Denn ein Sondervermögen ist nicht automatisch ein angespartes Vermögen auf irgendeinem Konto.


Wo zusätzliche Ausgaben durch Kredite finanziert werden, entstehen Schulden und damit langfristige Verpflichtungen.


Deshalb möchte ich auch hier nicht nur fragen:


Was können wir uns heute leisten?


Sondern:

Welche Verpflichtungen hinterlassen wir den Generationen nach uns?


Welche Handlungsspielräume haben unsere Kinder später aufgrund der Entscheidungen, die wir heute treffen?


Und wie verteilen wir unsere begrenzten Ressourcen?


Auf Sicherheit.


Bildung.


Gesundheit.


Familien.


Kinder und Jugendliche.


Rentnerinnen und Rentner.


Infrastruktur.


Soziale Sicherheit.


Forschung.


Frieden und Diplomatie.


Und vieles mehr.


Ich möchte dabei keine simplen Zahlen gegeneinander ausspielen.

Ein Euro für Verteidigung würde nicht automatisch andernfalls in einem Krankenhaus oder einer Schule landen.


Aber politische Entscheidungen sind immer auch Entscheidungen über Prioritäten.


Und deshalb dürfen wir fragen:


Was brauchen Menschen wirklich?

Und:

Welche Bedingungen wollen wir für diejenigen schaffen, die nach uns kommen?




Was wissen wir wirklich?


Bei kaum einem Thema scheint mir diese Frage wichtiger zu sein als bei Krieg.


Woher kommt mein Bild?


Welche Medien konsumiere ich?


Welche Stimmen höre ich?


Welche nicht?


Höre ich mir unterschiedliche Perspektiven überhaupt noch an?


Was halte ich für eine Tatsache, obwohl ich es selbst nie überprüft habe?


Was übernehme ich, weil Menschen, Institutionen oder Medien, denen ich vertraue, es sagen?


Und was lehne ich vielleicht vorschnell ab, weil es von einer Seite kommt, der ich misstraue?


Suche ich nach weiteren Informationen?


Oder suche ich inzwischen hauptsächlich nach Bestätigung?


Bin ich bereit, etwas zu lesen oder anzuhören, das meinem bisherigen Weltbild widerspricht?


Und kann ich danach sagen:

Dieses neue Puzzleteil verändert mein Bild?


Auch die Entstehung, Verantwortung und Vorgeschichte heutiger Kriege wird unterschiedlich erzählt, eingeordnet und bewertet.


Ich möchte in diesem Beitrag nicht entscheiden, welche Erzählung ein vollständiges Bild liefert.


Vielleicht ist genau das die falsche Erwartung.


Denn wie oft besitzen wir überhaupt alle Puzzleteile?


Die für mich wichtigere Frage lautet:

Bin ich bereit, mein eigenes Bild immer wieder zu überprüfen und zu erweitern?




Was bedeutet Sicherheit?


Natürlich gehört auch diese Perspektive in das Bild.


Menschen wollen geschützt werden.


Staaten haben eine Verantwortung für die Sicherheit ihrer Bevölkerung.


Was geschieht, wenn ein Land nicht verteidigungsfähig ist?


Welche Rolle kann Abschreckung spielen?


Wie schützen wir Menschen vor Gewalt?


Was geschieht, wenn diplomatische Bemühungen scheitern?


Und wie gehen wir mit Menschen um, die akut bedroht sind, während wir über langfristigen Frieden sprechen?


Diese Fragen verschwinden nicht, nur weil ich mir Frieden wünsche.


Aber ebenso wenig darf für mich die andere Frage verschwinden:

Was tun wir eigentlich für den Frieden?


Wie viel politische Energie investieren wir in Friedensgespräche?


Wie viel Kreativität?


Wie viel Geld?


Wie viel internationale Zusammenarbeit?


Wie viel Hartnäckigkeit?


Wann gilt der Wunsch nach weiteren Verhandlungen als naiv – während weitere Aufrüstung als realistisch gilt?


Welche Bedingungen braucht ein tragfähiger Frieden?


Und woran würden wir erkennen, dass tatsächlich alles Verantwortbare versucht wurde, bevor weitere Menschen sterben?


Vielleicht brauchen wir neben Verantwortungsbewusstsein noch etwas, über das wir viel häufiger sprechen sollten:


Folgenbewusstsein.


Nicht nur:

Was löst unsere Entscheidung heute?


Sondern:

Was erzeugt sie morgen?


Welche unmittelbaren Folgen hat sie?


Welche mittelbaren?


Welche wirtschaftlichen Interessen entstehen?


Welche Abhängigkeiten?


Welche gesellschaftlichen Veränderungen?


Welche Auswirkungen auf kommende Generationen?


Welche Entscheidungsmöglichkeiten werden dadurch später größer?


Und welche kleiner?


Das gilt übrigens nicht nur für Krieg und Rüstung.


Es gilt für nahezu jede Entscheidung mit großer Reichweite.


Je größer Macht, Reichweite und Möglichkeiten einer Entscheidung sind, desto größer ist für mich die Verantwortung, ihren möglichen Folgen so weit wie möglich nachzugehen.


Was bedeutet politische Verantwortung?


Auch das Wort „Wahlkampf“ lässt mich inzwischen nachdenken.


Wahl.


Kampf.


Natürlich braucht eine Demokratie unterschiedliche Parteien, politischen Wettbewerb, Opposition und freie Wahlen.


Aber muss politischer Wettbewerb zwangsläufig bedeuten, dass aus Menschen und Parteien Gegner werden, deren Ideen schon deshalb schlecht sein müssen, weil sie von der jeweils anderen Seite stammen?


Was wäre, wenn eine gute Idee eine gute Idee bleiben dürfte – unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung sie kommt?


Welche Aufgabe haben Menschen, denen wir durch eine Wahl politische Macht übertragen?


Geht es darum, möglichst erfolgreich die nächste Wahl zu gewinnen?


Oder darum, während der übertragenen Amtszeit bestmögliche Bedingungen für die Menschen zu gestalten, deren Interessen sie vertreten sollen?


Wie viel politische Energie fließt in die Lösung gemeinsamer Probleme?


Und wie viel in Kommunikation, Kampagnen, Abgrenzung und den nächsten politischen Wettbewerb?


Auch Parteien werden teilweise staatlich finanziert; die Höhe der staatlichen Teilfinanzierung hängt unter anderem von Wahlergebnissen sowie bestimmten eigenen Einnahmen ab. Gleichzeitig verwenden staatliche Institutionen öffentliche Mittel für Öffentlichkeitsarbeit.


Das alles erfüllt Funktionen in einer Demokratie.


Aber auch hier dürfen wir fragen:

Dient die konkrete Verwendung unserer gemeinsamen Ressourcen tatsächlich dem Menschen und dem Leben?


Nicht als pauschaler Vorwurf.


Als Prüfstein.




Menschen prägen Systeme. Systeme prägen Menschen.


Und hier möchte ich ausdrücklich nicht in ein einfaches „die Politiker da oben“ verfallen.


Auch Politikerinnen und Politiker sind Menschen.


Menschen handeln innerhalb von Systemen.


Systeme schaffen Anreize.


Sie belohnen bestimmte Verhaltensweisen und erschweren andere.


Medienlogiken beeinflussen Politik.


Wahlzyklen beeinflussen Entscheidungen.


Öffentliche Aufmerksamkeit beeinflusst Prioritäten.


Wirtschaftliche Interessen wirken.


Unsere Erwartungen als Wählerinnen und Wähler wirken ebenfalls.


Deshalb reicht die Frage nicht:

Was machen diese Menschen falsch?


Wir sollten auch fragen:

Welche Bedingungen haben wir geschaffen, unter denen Menschen so handeln?


Menschen prägen Systeme.

Und Systeme prägen Menschen.



Was haben wir aus unserer Geschichte gelernt?


An diesem Punkt denke ich an die Generationen vor uns.


An Menschen, die Krieg erlebt haben.


An Familien, in denen Verluste, Verletzungen, Angst und Erfahrungen noch lange nach dem eigentlichen Ende eines Krieges weitergewirkt haben.


Und ich denke an Margot Friedländer.


Sie sagte:

„Was war, das war, wir können es nicht mehr ändern. Es darf nur nie jemals wieder geschehen. Für Euch! Für Eure Kinder, für Eure Nachkommen.“


Wir tragen keine Schuld dafür, was Generationen vor uns getan haben.


Aber wir tragen Verantwortung dafür, welche Werte wir heute leben und welche Welt wir den Generationen nach uns hinterlassen.


Was haben wir aus der Geschichte gelernt?


Was möchten wir unseren Kindern vorleben?


Was sollen sie einmal über unsere Entscheidungen sagen?


Und was wäre eigentlich unser Bild von Erfolg?


Dass wir immer leistungsfähigere Waffen herstellen können?


Oder dass wir irgendwann Bedingungen geschaffen haben, unter denen wir immer weniger davon brauchen?



Wo beginnt Frieden?


Und jetzt könnte man sagen:


Was soll ich denn daran ändern?


Ich sitze schließlich nicht bei internationalen Verhandlungen am Tisch.


Ich entscheide nicht über Milliardenhaushalte.


Ich kann keinen Krieg beenden.


Das stimmt.


Aber daraus folgt nicht, dass ich nichts tun kann.


Denn vielleicht sollten wir Frieden nicht erst dort suchen, wo Staaten miteinander verhandeln. Sondern uns die Frage stellen:



Wie friedensfähig bin ich selbst?


Wie spreche ich mit meinem Partner, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind?


Wie gehe ich mit meinem Kind um, wenn es etwas anderes möchte als ich?


Wie rede ich über meinen Nachbarn?


Wie begegne ich einem Kollegen, dessen Weltbild meinem widerspricht?


Was schreibe ich über Menschen im Internet?


Wie schnell werte ich jemanden ab?


Muss ich gewinnen?


Oder möchte ich verstehen?


Kann ich Grenzen setzen, ohne einen anderen Menschen abzuwerten?


Kann ich widersprechen, ohne jemanden zu entmenschlichen?


Kann ich meine Überzeugung vertreten und gleichzeitig neugierig darauf bleiben, welches Puzzleteil der andere vielleicht sieht, das mir fehlt?


Kann ich sagen:

Ich sehe das anders. Und trotzdem bleibt deine Würde für mich unantastbar.


Margot Friedländer hat einen Satz gesagt, der für mich genau hierher gehört:


„Es gibt kein christliches Blut, kein jüdisches Blut, kein muslimisches Blut – es gibt nur menschliches Blut, und wir müssen die Menschen respektieren.“


Bevor wir Deutsche, Russen, Ukrainer, Amerikaner oder Angehörige irgendeiner anderen Nation sind, bevor wir unterschiedlichen Religionen, politischen Richtungen oder Weltbildern folgen:


Wir sind Menschen.


Vielleicht müssten wir uns genau daran immer wieder erinnern, bevor aus einem anderen Menschen ein Gegner, aus einem Gegner ein Feind und aus einem Feind irgendwann nur noch ein Ziel wird.


Vielleicht beginnt genau dort Frieden.


Welche Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen?


Ich habe eine Vision von einer Welt, in der Menschen sich nicht mehr gegenseitig töten.


In der wir würdevoll und respektvoll miteinander umgehen.


In der Unterschiedlichkeit nicht automatisch als Bedrohung erlebt wird.


In der Menschen sich mit ihrer Vielfalt ergänzen können, statt sich wegen ihrer Unterschiede zu bekämpfen.


Vielleicht klingt das für manche naiv.


Für mich wäre es naiver, zu glauben, wir könnten immer weiter dieselben Wege gehen und irgendwann ganz selbstverständlich an einem anderen Ziel ankommen.


Ich habe meine Kinder nicht auf diese Welt gebracht, damit sie irgendwann auf Kriegsfeldern stehen.


Ich möchte ihnen etwas anderes vorleben.


Nicht Perfektion.


Nicht mehr eine Mutter, die immer friedlich, verständnisvoll und reflektiert reagiert.


Das wäre spätestens beim nächsten Familienalltag ohnehin ein gewagtes Versprechen.


Sondern einen Menschen, der bereit ist, immer wieder hinzuschauen.


Zu hinterfragen.


Auch sich selbst.


Verantwortung zu übernehmen.


Sich zu entschuldigen.


Grenzen zu setzen.


Andere Perspektiven anzuhören.


Und es wieder zu versuchen, wenn es einmal nicht gelungen ist.


Denn wir vermitteln unseren Kindern nicht nur durch unsere Worte, welche Welt wir uns wünschen.


Wir zeigen sie ihnen durch die Art, wie wir leben.



Wir müssen nicht auf den Weltfrieden warten


Ich weiß nicht, ob ich die Welt erleben werde, von der ich träume.


Ich weiß nicht, ob Menschen jemals vollständig aufhören werden, Kriege gegeneinander zu führen.


Und ich habe ganz sicher nicht die eine Antwort darauf, wie Frieden funktioniert.


Aber all das entbindet mich nicht davon, an dieser Welt mitzuwirken.


Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun und meinen Teil dazu beitragen.


So gut ich kann.


So gut es mir gelingt.


Mitten im Alltag.


Ich kann fragen.


Ich kann zuhören.


Ich kann Informationen hinterfragen.


Ich kann darauf achten, was ich mit meinem Geld unterstütze.


Ich kann wählen.


Ich kann meine Stimme erheben.


Ich kann Menschen widersprechen, ohne ihnen ihre Würde abzusprechen.


Ich kann meinen Kindern etwas vorleben.


Ich kann dort Verantwortung übernehmen, wo ich tatsächlich Einfluss habe.


Und vielleicht müssen wir deshalb nicht länger nur auf den Weltfrieden warten.


Wir können anfangen, den Weg dorthin mitzugestalten.


Nicht irgendwann.


Nicht erst, wenn „die da oben“ alles geregelt haben.


Heute.


Zwischen zwei Menschen.


In unseren Familien.


In unseren Unternehmen.


In unseren Institutionen.


In unserer Gesellschaft.


Und auch in der Art, wie wir politische Entscheidungen diskutieren.


Margot Friedländers großer Appell an nachfolgende Generationen lässt sich in zwei Worten zusammenfassen:


Seid Menschen.


Vielleicht ist das keine vollständige politische Strategie.


Aber möglicherweise ist es ein ziemlich guter Ausgangspunkt.


Denn am Ende bleibt für mich immer wieder dieselbe Frage:

Was dient dem Menschen und dem Leben?


Und wenn wir den Weg, auf dem wir uns gerade befinden, konsequent weitergehen:

Welche Welt entsteht daraus?


Vielleicht sollten wir diese Frage häufiger stellen, bevor wir die Folgen unserer Antworten unseren Kindern hinterlassen.


Tanja Vießmann-Schmell, 11.09.2026

 
 
 

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