- Tanja Vießmann-Schmell

- vor 1 Stunde
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Verantwortung, Schuld und die Geschichten in unseren Köpfen
14 Jahre. Eine Softair-Pistole. Ein Schuss. Und sehr viele Wahrheiten?
In den vergangenen Tagen hat mich ein Polizeieinsatz in München sehr beschäftigt.
Nicht nur als Mutter, sondern auch aufgrund eigener Erfahrungen mit dem Thema polizeilicher Schusswaffeneinsätze.
ICH möchte den konkreten Einsatz NICHT BEURTEILEN. Genau darum geht es mir hier nämlich.
Denn während innerhalb weniger Tage immer neue Informationen bekannt wurden, konnte ich an mir selbst beobachten, wie sich mit jedem neuen Puzzleteil auch das Bild in meinem Kopf veränderte.

Was wissen wir – und wann beginnen wir zu urteilen?
In einer der ersten Meldungen war von einem etwa 20-jährigen vermeintlich bewaffneten Mann die Rede, der bei einem Polizeieinsatz schwer verletzt worden war.
Später wurde bekannt: Der Verletzte ist ein 14-jähriger Schüler.
Die vermeintliche Schusswaffe war eine Softair-Pistole, die einer echten Beretta 92 täuschend ähnlich sieht.
Und plötzlich war ich nicht mehr nur aufgrund meiner eigenen Erfahrungen berührt.
Ich war Mutter.
Mein Sohn ist 13 Jahre alt.
Mir wurde bewusst, dass wir über eine solche Situation noch nie gesprochen hatten.
Es war schlicht nicht in meinem Bewusstsein.
Also habe ich mit meinem Sohn darüber gesprochen: Was kann passieren, wenn ein Kind oder Jugendlicher einen Gegenstand als Spielzeug wahrnimmt, während andere Menschen darin möglicherweise eine echte Waffe erkennen?
Vielleicht beginnt Verantwortung manchmal genau dort:
Wenn aus einer Erfahrung Bewusstsein entsteht und wir dieses Bewusstsein weitergeben.
Mit jedem Puzzleteil verändert sich das Bild
Inzwischen gibt es unterschiedliche Darstellungen darüber, was unmittelbar vor dem Schuss geschah.
Die Polizei und die Familie des Jugendlichen schildern entscheidende Sekunden unterschiedlich. Es existieren Videoaufnahmen, doch nach bisheriger Berichterstattung zeigen diese den entscheidenden Moment der Schussabgabe nicht eindeutig. Eine rechtliche Bewertung steht noch aus.
Wir können also mehr wissen als am ersten Abend.
Aber kennen wir deshalb die ganze Wahrheit?
Nein.
Und trotzdem entstehen sehr schnell Urteile.
Die Geschichten in unseren Köpfen
Wir nehmen Informationen niemals vollkommen neutral auf.
Unsere Erfahrungen, Ängste, Verletzungen, Überzeugungen und bisherigen Weltbilder beeinflussen, was wir wahrnehmen und wie wir es einordnen.
Menschen mit negativen Erfahrungen mit Polizei betrachten einen solchen Einsatz möglicherweise anders als Menschen, die selbst bei der Polizei arbeiten oder Einsatzkräfte in ihrer Familie haben.
Menschen mit eigenen Rassismuserfahrungen nehmen andere Aspekte wahr.
Eltern sehen möglicherweise plötzlich ihr eigenes Kind.
Und Menschen, die Angst vor Gewalt im öffentlichen Raum haben, wiederum etwas anderes.
In München wird inzwischen öffentlich auch über Polizeigewalt und eine mögliche rassistische Dimension diskutiert.
Diese Fragen dürfen gestellt werden.
Aber vielleicht sollten wir gleichzeitig eine weitere stellen:
Was davon wissen wir – und was davon ist bereits unsere Interpretation?
Wie beeinflussen Medien unsere Wahrnehmung?
Auch die Rolle der Medien ist komplexer als die Behauptung, Medien würden uns einfach „manipulieren“.
Journalisten sollen aktuell berichten, obwohl ein Ereignis möglicherweise noch überhaupt nicht vollständig aufgeklärt ist.
Die erste Meldung enthält deshalb zwangsläufig nur die Informationen, die zu diesem Zeitpunkt verfügbar sind.
Problematisch wird es möglicherweise an einer anderen Stelle:
Unser Gehirn wartet nicht auf die vollständige Ermittlungsakte.
Wir lesen eine Überschrift.
Wir ergänzen fehlende Informationen.
Wir bilden eine Meinung.
Wir kommentieren und teilen.
Und während das tatsächliche Wissen weiter wächst, ist unsere Geschichte vielleicht längst fertig.
Wenn wir recht haben wollen
Hinzu kommt ein sehr menschlicher Mechanismus: Haben wir uns erst einmal eine Meinung gebildet, suchen wir leicht nach Informationen, die sie bestätigen.
Was passiert, wenn ein neues Puzzleteil nicht hineinpasst?
Sind wir bereit, unser Bild zu verändern?
Sind wir bereit die Perspektive zu wechseln?
Oder versuchen wir, das neue Puzzleteil passend zu machen?
Eine gesunde Fehlerkultur müsste deshalb vielleicht schon bei einem einfachen Satz beginnen:
„Mit dem, was ich heute weiß, sehe ich es anders als gestern.“
Das ist keine Schwäche.
Das ist Lernen.
Zwei Menschen
Wenn ich die politischen und gesellschaftlichen Etiketten für einen Augenblick beiseitelasse, sehe ich zunächst zwei Menschen.
Einen schwer verletzten 14-jährigen Jungen und seine Familie.
Und einen Polizeibeamten, der in einer Situation mit einer täuschend echt wirkenden Waffe eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat.
Ob diese konkrete Entscheidung rechtmäßig war, wird untersucht.
Ich kann und möchte das nicht vorwegnehmen.
Aber aufgrund eigener Erfahrungen, jahrelanger Beschäftigung mit entsprechenden Fällen und Gesprächen mit betroffenen Polizeibeamten weiß ich, dass ein Schusswaffeneinsatz nicht mit dem Schuss endet. Nicht für den Beamten und nicht für den Betroffenen.
Auch meine Beschäftigung mit dem Forschungsprojekt AMBOSafe hat meinen Blick auf Belastungen, Kommunikation und unterschiedliche Perspektiven von Menschen in Sicherheitsberufen erweitert. Das Projekt untersuchte Angriffe auf Beschäftigte verschiedener Organisationen mit Sicherheitsaufgaben mithilfe unterschiedlicher wissenschaftlicher Zugänge.
Mitgefühl mit dem verletzten Jungen bedeutet deshalb für mich nicht, dem Beamten seine Menschlichkeit abzusprechen.
Und Mitgefühl mit einem Beamten bedeutet nicht, auf kritische Aufklärung zu verzichten.
Menschlichkeit ist keine Parteinahme.
Verantwortung statt Schuld
Die für mich spannendere Frage lautet deshalb:
Wo beginnt Verantwortung – und wo hört sie auf?
Welche Verantwortung trägt ein Jugendlicher?
Welche seine erwachsenen Bezugspersonen?
Welche Händler und Hersteller, die diese Produkte anbieten und verkaufen?
Welche Passanten?
Welche Einsatzkräfte?
Welche Verantwortung tragen Ausbildung und institutionelle Strukturen? Ermittlungsbehörden? Medien? Politik?
Und welche Verantwortung tragen wir selbst als Öffentlichkeit?
Verantwortung statt Schuld bedeutet nicht, dass Fehler folgenlos bleiben.
Im Gegenteil.
Verantwortung kann bedeuten, Fehler anzuerkennen, Konsequenzen zu tragen, Schaden wiedergutzumachen, Strukturen zu verändern und daraus zu lernen.
Vielleicht liegt der Unterschied eher hier:
Schuld fragt häufig zuerst: Wer war es?
Verantwortung fragt zusätzlich: Was ist geschehen, welchen Anteil trägt wer – und was können wir daraus lernen?
Ganzheitliches Bewusstsein
Ganzheitliches Bewusstsein bedeutet für mich nicht, alles zu wissen.
Vielleicht beginnt es gerade mit dem Bewusstsein dafür, wie viel wir nicht wissen.
Unsere Wahrnehmung wird beeinflusst durch Erfahrungen, Bedürfnisse, Ängste, Überzeugungen, Informationen, soziale Gruppen und gesellschaftliche Narrative.
Ganzheitliches Bewusstsein könnte deshalb bedeuten, immer wieder zu fragen:
Was weiß ich tatsächlich? Was glaube ich? Welche Perspektive fehlt? Was beeinflusst gerade mein Urteil? Welche Information könnte meine Meinung verändern? Wo beginnt meine Verantwortung? Und möchte ich gerade wirklich verstehen – oder möchte ich recht haben?
Vielleicht werden wir das große Puzzle niemals vollständig zusammensetzen.
Aber wir können lernen, sorgsamer mit den Puzzleteilen umzugehen, die wir gerade in den Händen halten.
Ganzheitliches Bewusstsein beginnt vielleicht dort, wo wir aufhören, unseren Ausschnitt für das ganze Bild zu halten.
Und manchmal verändert ein einziges weiteres Puzzleteil plötzlich sehr viel.
Brücken der Menschlichkeit
Aber wozu brauchen wir dieses ganzheitliche Bewusstsein eigentlich?
Nicht, um irgendwann zu allem die richtige Antwort zu haben.
Nicht, um noch mehr zu analysieren, noch mehr zu wissen oder uns über andere Perspektiven zu stellen.
Vielleicht brauchen wir es vor allem, um anders miteinander umgehen zu können.
Wenn wir bereit sind, uns diesen Fragen ehrlich zu stellen, müssen wir nicht mehr so schnell Mauern zwischen uns errichten.
Wir können unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem miteinander sprechen.
Wir können Fehler benennen, ohne einen Menschen auf seinen Fehler zu reduzieren.
Wir können Verantwortung einfordern, ohne Würde zu nehmen.
Wir können Grenzen setzen, ohne Menschlichkeit zu verlieren.
Und wir können versuchen zu verstehen, ohne deshalb alles gutheißen oder entschuldigen zu müssen.
Vielleicht entstehen genau dort neue Lösungen.
Nicht Lösungen, bei denen einer gewinnen und der andere verlieren muss. Sondern Lösungen, die möglichst viele Perspektiven, Bedürfnisse und Verantwortlichkeiten berücksichtigen und dem Wohl aller Beteiligten dienen.
Dafür brauchen wir Brücken.
Brücken der Menschlichkeit.
Brücken, über die Verständnis und Mitgefühl wieder möglich werden.
Brücken zwischen Betroffenen und Verantwortlichen.
Zwischen unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven.
Zwischen Menschen und Institutionen.
Zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und dem Bedürfnis nach Würde.
Zwischen Fehlern und der Möglichkeit, aus ihnen zu lernen.
Solche Brücken machen Geschehenes nicht ungeschehen.
Manche Wunden bleiben.
Manche hinterlassen Narben – sichtbare und unsichtbare.
Heilung muss vielleicht auch nicht immer bedeuten, dass eine Wunde irgendwann vollständig verschwindet.
Vielleicht bedeutet Heilung manchmal, dass eine Erfahrung nicht mehr unser gesamtes Handeln bestimmt.
Dass wir lernen, mit dem zu leben, was geschehen ist.
Dass aus Schmerz irgendwann Erkenntnis entstehen darf.
Aus Erkenntnis Bewusstsein.
Aus Bewusstsein Verantwortung.
Und aus Verantwortung vielleicht Veränderung.
Verständnis, Verantwortung und Mitgefühl können dazu beitragen, dass betroffene Menschen mit dem Erlebten weiterleben und heilen können.
Und vielleicht können die Erkenntnisse daraus dazu beitragen, dass andere Menschen ähnliche Verletzungen eines Tages nicht mehr erfahren müssen.
Verantwortung bedeutet nicht Selbstaufopferung
Zu Verantwortung gehört für mich inzwischen aber noch etwas anderes.
Verantwortung hat Grenzen.
Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, für alles verantwortlich zu sein.
Es bedeutet nicht, jedes Problem lösen zu müssen, das ich erkenne.
Nicht jedes System verändern zu müssen, dessen Schwächen ich sehe.

Und nicht jedes Stahlbrett, das mir begegnet, mit meiner persönlichen Nagelfeile durchbohren zu müssen.
Vielleicht liegt gerade darin ein wichtiger Unterschied zwischen Verantwortung und Selbstaufopferung.
Ich kann wahrnehmen, wo mein Handlungsspielraum beginnt.
Und ich darf anerkennen, wo er endet.
Ich kann meine Stimme dort einsetzen, wo ich etwas beitragen kann.
Ich kann Fragen stellen.
Bewusstsein schaffen.
Informationen weitergeben.
Gespräche ermöglichen.
Grenzen setzen.
Und dabei auch meine eigenen Kräfte und Bedürfnisse berücksichtigen.
Denn eine Verantwortung, die den Menschen, der sie übernimmt, dauerhaft zerstört, kann kaum die Grundlage für ein friedlicheres Miteinander sein.
Vielleicht beginnt Frieden deshalb manchmal viel kleiner, als wir denken.
Nicht erst zwischen Staaten, Institutionen oder großen gesellschaftlichen Gruppen.
Sondern zwischen zwei Menschen.
In einem Gespräch.
In der Bereitschaft zuzuhören.
In einem ehrlichen „Ich weiß es nicht“.
In einem „Vielleicht habe ich mich geirrt“.
In der Bereitschaft, ein weiteres Puzzleteil aufzunehmen.
Und manchmal auch darin, eine Grenze zu setzen, ohne den Menschen auf der anderen Seite zum Feind zu erklären.
Vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Mauern zwischen richtig und falsch, Täter und Opfer, wir und die anderen.
Vielleicht brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, Brücken der Menschlichkeit zu bauen.
Nicht um Unterschiede verschwinden zu lassen.
Nicht um Verantwortung aufzulösen.
Sondern damit Verständnis, Mitgefühl, Würde und Verantwortung gleichzeitig existieren können.
Und damit aus dem, was geschehen ist, vielleicht etwas entstehen kann, das zukünftiges Leid verhindert.
Denn egal, wie unterschiedlich unsere Geschichten, Rollen, Erfahrungen und Perspektiven sein mögen:
Auf beiden Seiten stehen Menschen.
Tanja Vießmann-Schmell | Ganzheitliches Bewusstsein
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