- Tanja Vießmann-Schmell

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Die Frau, die auf ihre Erleuchtung wartete
Eine kleine Geschichte über große Erkenntnisse, das wirkliche Leben – und eine Frau, die ziemlich lange auf ihre Erleuchtung wartete.
von Tanja Vießmann Schmell geschrieben im August 2026
In tiefer Liebe für die 2 größten Wunder in meinem Leben - meine Kinder
Die Frau, die auf ihre Erleuchtung wartete
Es war einmal eine Frau, die schon ziemlich viel über das Leben wusste.
Zumindest theoretisch.
Sie hatte Bücher gelesen.
Ausbildungen absolviert und Zertifikate gesammelt.
Seminare besucht.
Meditationen gemacht.
Podcasts gehört.
Kurse gebucht.
Auf ihrem Meditationskissen hatte sie geatmet, gefühlt, losgelassen, visualisiert und vermutlich mehr als einmal versucht, einfach nur zu sein.

Was erstaunlich anstrengend sein konnte.
Sie hatte gelernt, dass alles bereits in ihr lag.
Dass sie im gegenwärtigen Moment leben sollte.
Dass Dankbarkeit glücklich machte.
Dass Trigger etwas mit ihr selbst zu tun hatten.
Dass sie ihre Gedanken beobachten konnte.
Dass ihr Körper ein Kompass war.
Und dass Erkenntnisse verkörpert werden wollten.
Das mit dem Verkörpern klang wunderschön.
Die Frau hatte nur lange keine Ahnung, woran man eigentlich merkte, dass etwas verkörpert war.
Gab es dafür auch ein Zertifikat?
Eine Urkunde?
Vielleicht wenigstens einen kleinen Gong?
Offenbar nicht.
Das Meditationskissen
Also saß sie eines Morgens wieder auf ihrem Meditationskissen.
Sie atmete.
Ein.
Aus.
Ein.
Aus.

Ihr Rücken tat weh.
Ihr linkes Bein schlief ein.
Und in ihrem Kopf lief die Einkaufsliste durch.
Milch.
Äpfel.
Kartoffeln.
Kaffee.
Kaffee.
Die Frau öffnete ein Auge.
Vielleicht war Erleuchtung heute einfach nicht vorgesehen.
Sie stand auf und ging in die Küche.
Erleuchtung an der Kaffeemaschine
Dort drückte sie auf den Knopf ihrer Kaffeemaschine.
Sie mochte dieses Geräusch.
Dieses kurze Mahlen.
Dann der Duft.
Der erste Schluck.
Ein vollkommen unspektakulärer Dienstagmorgen.
Und plötzlich war da ein Gedanke.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Kein Lichtstrahl fiel vom Himmel.
Niemand spielte Harfe.
Sie stand einfach in ihrer Küche und wusste plötzlich etwas, das sie schon hundertmal
gelesen hatte.
Nur diesmal wusste sie es anders.
Nicht im Kopf.
In sich.
Sie musste lachen.
Ausgerechnet hier.
Nicht im Retreat.
Nicht während einer Meditation.
Nicht im Kurs.
An der Kaffeemaschine.

Vielleicht hatte die Erleuchtung ihre Adresse verwechselt.
Die Waschmaschine
Einige Tage später sortierte sie Wäsche.
Auch nicht gerade der Ort, an dem die großen Fragen des Lebens gewöhnlich beantwortet wurden.
Da geschah etwas noch Merkwürdigeres.
Jemand sagte etwas zu ihr.
Einen Satz, der sie früher innerhalb weniger Sekunden auf eine innere Achterbahn geschickt hätte.
Sie wartete.
Auf den Stich.
Auf die Wut.
Auf den Drang, sich zu erklären.
Auf die Gedanken, die anschließend stundenlang in ihrem Kopf diskutiert hätten.
Nichts.
Nun ja.
Nicht ganz nichts.
Sie bemerkte den Satz.
Sie bemerkte sich.
Und dann legte sie ein weiteres Handtuch in die Waschmaschine.
Die Frau hielt inne.
Moment mal.
Das hatte sie früher getriggert.
Sehr sogar.
Und jetzt……
Sie musste nichts regulieren.
Nichts analysieren.
Keine sieben Schritte anwenden.
Es war einfach nicht mehr dasselbe.
Und plötzlich verstand sie:
Vielleicht erkennt man manche Heilung erst daran, dass etwas nicht mehr passiert.
Kein Feuerwerk.

Nur ein weiteres Handtuch.
Sie legte noch eine Socke dazu.
Das Leben konnte erstaunlich unspektakulär sein.
Die Kartoffeln
Beim Kartoffelschälen fiel ihr irgendwann auf, dass viele ihrer wichtigsten Erkenntnisse überhaupt nicht dann kamen, wenn sie angestrengt nach ihnen suchte.
Sie kamen beim Kochen.
Unter der Dusche.
Beim Autofahren.
Beim Spaziergang mit dem Hund.
Beim Obstsalat zubereiten.

Offenbar hatte das Universum eine gewisse Vorliebe für Hausarbeit.
Die Frau fand das ein wenig unverschämt.
Immerhin hatte sie ziemlich viel Geld für Literatur, Seminare und Ausbildungen ausgegeben.
Aber vielleicht, dachte sie, waren all diese Bücher, Gespräche, Therapien, Kurse und Erfahrungen gar nicht umsonst gewesen.
Vielleicht hatten sie Samen gelegt.
Und das Leben hatte sie anschließend gegossen.
Bis aus Wissen irgendwann Erfahrung wurde.
Und aus Erfahrung etwas, das sie tatsächlich lebte.
Verkörperung.
Vielleicht war das viel weniger spektakulär, als sie immer gedacht hatte.
Die Eichenallee
Manchmal geschah überhaupt keine Erkenntnis.
Und trotzdem war da plötzlich alles.
Sie fuhr durch eine alte Eichenallee.

Das Licht fiel zwischen den Bäumen hindurch.
Für einige Sekunden musste sie nirgendwo anders sein.
Nichts erreichen.
Nichts verstehen.
Nichts verbessern.
Sie war einfach da.
Präsent und dankbar.
Ein anderes Mal saß sie am See.
Oder sah einen Sonnenuntergang.
Manchmal war es das Lächeln eines Kindes.
Manchmal beobachtete sie ihre eigenen Kinder in einem dieser vollkommenen kleinen Glücksmomente, in denen ein Mensch für einige Sekunden einfach nur lebendig war.

Und ihr wurde bewusst:
Das hier ist Leben.
Nicht irgendwann.
Nicht nach dem nächsten Ziel.
Nicht wenn alles gelöst oder geheilt war.
Jetzt.
Die Sammlung
Vielleicht, dachte die Frau, hatte sie lange die falschen Dinge gesammelt.
Dinge.
Aufgaben.
Erfolge.
Wissen.
Beweise dafür, dass sie etwas geschafft hatte.
Dabei waren es andere Dinge, an die sie sich erinnerte.
Der Geruch eines Sommerabends.
Kinderlachen.
Ein Gespräch, bei dem jemand wirklich zugehört hatte.
Eine Hand auf ihrer Schulter.
Ein Hund, der vollkommen begeistert über etwas war, das für jeden vernünftigen Menschen lediglich ein Stock gewesen wäre.
Der erste Kaffee am Morgen.
Barfuß im Gras.
Ein Sonnenuntergang.
Eine Umarmung.
Die Eichenallee.
Der See.
Sammle Momente, nicht Dinge.
Denn vielleicht waren genau diese kleinen Glücksmomente das, was sie durch jene Zeiten getragen hatte, in denen das Leben sie erschüttert hatte.
Sie erinnerten sie daran, warum sie lebte.

Und manchmal auch daran, warum sie etwas tat.
Oder nicht mehr tat.
Die unerwarteten Lehrer
Manchmal kamen die Erinnerungsfunken auch durch andere Menschen.
Und erstaunlicherweise hielten sie sich nicht daran, von wem man üblicherweise große Lebensweisheiten erwartete.
Einige ihrer wichtigsten Lehrer waren noch ziemlich klein, obwohl sie die größten Wunder im Leben der Frau waren.

Ihr Sohn war gerade einmal vier Jahre alt gewesen, als er sie eines Tages fragte:
„Mama, wissen die Menschen nicht, dass wir hier sind, um uns zu lieben und nicht, um uns zu verletzen?“
Die Frau hatte ihn angesehen.
Vier Jahre.
Sie selbst hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich viele Bücher über Liebe, Bewusstsein, Spiritualität und Menschsein gelesen.
Vielleicht hätte sie einfach ihn fragen sollen und das tat sie dann auch immer wieder.
Und die Antworten waren meist erstaunlich weise und einfach.
Ihre Tochter war ungefähr acht gewesen, als sie ihr eine andere Frage stellte:
„Ist die Wirklichkeit wirklich immer wirklich?“
Die Frau wusste nicht mehr, was sie damals geantwortet hatte.
Aber die Frage war geblieben.
Jahre später malte ihre Tochter ein Bild.
Darauf stand:
„Es muss nicht immer alles Sinn machen.
Manchmal reicht es auch, wenn es einfach nur Spaß macht.“
Auch dieser Satz blieb.
Vielleicht besonders deshalb, weil die Frau ausgesprochen begabt darin war, nach dem Sinn in allem zu suchen.
Im Schmerz.
In Erfahrungen.
In Begegnungen.
In Veränderungen.
Vermutlich hätte sie sogar versucht, dem Kartoffelschälen eine tiefere Bedeutung zu geben, wenn man sie lange genug gelassen hätte.
Ihre Tochter erinnerte sie an etwas anderes:
Manches durfte einfach Freude machen.
Ohne Lernaufgabe.
Ohne Transformation.
Ohne tiefere Botschaft.
Einfach, weil es schön war.
Die Frau begann, Kindern noch aufmerksamer zuzuhören.
Nicht, weil Kinder immer recht hatten.
Natürlich nicht.
Aber weil sie manchmal Fragen stellten, bevor sie gelernt hatten, welche Fragen Erwachsene angeblich nicht mehr stellten.
Sie staunten.
Sie hinterfragten Selbstverständlichkeiten.
Sie machten komplizierte Dinge manchmal verblüffend einfach.
Und gelegentlich machten sie aus einfachen Dingen ein derart kompliziertes Drama, dass auch das ausgesprochen lehrreich sein konnte.
Kinder waren schließlich auch Menschen und lernten, was man ihnen vorlebte.
Aber auch am anderen Ende des Lebens begegnete ihr diese besondere Form von Weisheit.
Ältere Menschen erzählten manchmal in wenigen Sätzen Dinge, für deren Verständnis andere ganze Bibliotheken brauchten.
Von Liebe.
Von Verlust.
Von Entscheidungen, die sie heute anders treffen würden.
Von Dingen, über die sie sich früher Sorgen gemacht hatten und die rückblickend vollkommen unwichtig geworden waren.
Von Menschen, die sie vermissten.
Von Momenten, die geblieben waren.
Die Frau begann zu verstehen, warum sie Gespräche mit älteren Menschen so mochte.
Sie trugen Geschichten in sich.
Nicht theoretisches Wissen über das Leben.
Gelebtes Leben.
Und manchmal öffnete sich eine dieser Geschichten völlig unerwartet.
Beim Bäcker.
In einer Warteschlange.
An einer Supermarktkasse.
Auf einer Bank.
Auf der Hundewiese.
Eigentlich hatten nur die Hunde miteinander gespielt. Man hatte sich freundlich gegrüßt.
Und zwanzig Minuten später sprach man über Liebe, Tod, Kinder, verpasste Chancen oder darüber, was im Leben wirklich wichtig war.

Die Frau liebte solche Begegnungen.
Sie ließen sich nicht planen.
Nicht buchen.
Es gab keinen Zoom-Link.
Keine Agenda.
Kein Teilnahmezertifikat.
Manchmal kannte sie nicht einmal den Namen des Menschen, der ihr gerade etwas erzählt hatte, das sie noch Tage später beschäftigte.
Und vielleicht war genau das eines der Geheimnisse:
Das Leben hielt überall Lehrer bereit.
Kinder.
Alte Menschen.
Freunde.
Fremde.
Manchmal sogar Menschen, an denen sie sich fürchterlich rieb. Die Frau nannte diese Menschen manchmal liebevoll „Arschengel“
Nicht jeder Lehrer wusste, dass er einer war.
Und nicht jede Lektion fühlte sich wie eine an.
Manche kamen als Frage.
Manche als Geschichte.
Manche als Lächeln.
Manche als Satz an einer Supermarktkasse.
Und manche liefen auf vier Pfoten über die Hundewiese.
Die Frau hatte lange nach Weisheit gesucht.
Heute hörte sie noch genauer hin.
Denn meist spricht das Leben mitten im Alltag.
Und wenn man gerade nicht zu beschäftigt damit war, nach Antworten zu suchen, konnte man es sogar hören.
Die großen Worte
Die Frau hatte im Laufe ihres Lebens viele große Worte gehört.
Menschlichkeit.
Würde.
Verantwortung.
Solidarität.
Nachhaltigkeit.
Liebe.
Frieden.
Gerechtigkeit.
Man konnte erstaunlich lange über solche Worte sprechen.
Man konnte Kongresse veranstalten.
Arbeitsgruppen gründen.
Expertenkommissionen einsetzen.
Programme schreiben.
Leitbilder entwickeln.
Strategiepapiere verabschieden.
Modellprojekte starten.
Evaluationen durchführen.
Und anschließend Berichte über die Evaluation der Modellprojekte verfassen.
Die Frau vermutete, dass es irgendwo vermutlich sogar eine Arbeitsgruppe gab, die untersuchte, warum die Ergebnisse anderer Arbeitsgruppen so selten umgesetzt wurden.
Sie hoffte jedenfalls, dass dafür wenigstens guter Kaffee bereitstand.
Manchmal flossen erstaunlich viel Zeit, Energie und Geld in solche Prozesse.

Nicht unbedingt, weil die beteiligten Menschen nichts verändern wollten.
Im Gegenteil.
Oft saßen dort kluge, engagierte Menschen mit wertvollem Wissen.
Das Problem war nur:
Die einen beschäftigten sich mit Gesundheit.
Andere mit Bildung.
Andere mit Kindern.
Andere mit Alter.
Andere mit Arbeit.
Andere mit Armut.
Andere mit Trauma.
Andere mit Gewalt.
Andere mit Integration.
Andere mit Führung.
Andere mit gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Und jeder betrachtete ein wichtiges Puzzleteil.
Nur saßen die Puzzleteile häufig in verschiedenen Gebäuden.
In verschiedenen Ministerien.
In verschiedenen Fachbereichen.
In verschiedenen Organisationen.
Auf verschiedenen Servern.
Und gelegentlich sogar in verschiedenen PDF-Dateien mit 187 Seiten.
Die Frau begann sich zu fragen:
Wer setzt eigentlich das Puzzle zusammen?

Denn viele Erkenntnisse waren längst vorhanden.
Menschen wussten, dass chronischer Stress krank machen konnte.
Dass frühe Erfahrungen spätere Entwicklung beeinflussten.
Dass Sicherheit Lernen erleichterte.
Dass Beziehung Menschen stärkte.
Dass Einsamkeit krank machen konnte.
Dass Arbeitsbedingungen Gesundheit beeinflussten.
Dass Kinder andere Bedürfnisse hatten als Erwachsene.
Dass Menschen Verantwortung eher übernahmen, wenn sie sich gehört und beteiligt fühlten.
Dass Probleme selten nur eine Ursache hatten.
Und trotzdem wurden viele dieser Erkenntnisse behandelt, als hätten sie miteinander nichts zu tun.
Es entstanden neue Projekte.
Neue Programme.
Neue Konzepte.
Manche davon waren hervorragend.
Dann endete die Förderung.
Ein Verantwortlicher wechselte die Stelle.
Eine politische Priorität änderte sich.
Ein Projekt wurde abgeschlossen.
Der Abschlussbericht wurde veröffentlicht.
Und irgendwo öffnete der Konzeptfriedhof seine Tore.

Dort lagen vermutlich ausgezeichnete Ideen friedlich nebeneinander.
Sauber formatiert.
Wissenschaftlich begleitet.
Mit Handlungsempfehlungen versehen.
Einige möglicherweise sogar laminiert.
Die Frau fand das gleichzeitig komisch und traurig.
Denn vielleicht fehlte es gar nicht immer an Wissen.
Vielleicht fehlte manchmal etwas viel Schwierigeres:
Zusammenführung.
Verbindung.
Verantwortung.
Kontinuität.
Mut.
Und die Bereitschaft, eine Erkenntnis tatsächlich so ernst zu nehmen, dass aus ihr Konsequenzen entstanden.
Da fiel ihr ihre Kaffeemaschine wieder ein.
Sie konnte hundertmal wissen, dass etwas wichtig war.
Sie konnte darüber sprechen.
Darüber schreiben.
Ein Konzept daraus machen.
Ein Seminar darüber besuchen.
Doch irgendwann kam der Moment, in dem sich nur noch eine Frage stellte:
Leben wir es auch in unserem Alltag?
Vielleicht galt für Gesellschaften und Organisationen dasselbe wie für Menschen.
Wissen allein verändert noch nichts.
Erst wenn Wissen miteinander verbunden, verstanden und in Handeln übersetzt wurde, begann daraus etwas Neues zu entstehen.
Die Frau hatte deshalb irgendwann eine gewisse Müdigkeit gegenüber großen Worten entwickelt.
Nicht, weil die Worte falsch waren.
Im Gegenteil.
Sie waren ihr viel zu wichtig, um sie leer werden zu lassen.
Denn Menschlichkeit zeigte sich für sie nicht zuerst in einem Leitbild.
Sondern vielleicht darin, ob jemand bemerkte, dass der ältere Mensch vor ihm Schwierigkeiten mit seiner Einkaufstasche hatte.
Ob man fragte:
„Kann ich Ihnen helfen?“

Ob man einem Menschen die Tür aufhielt.
Ob man zuhörte.
Ob man jemanden würdevoll behandelte, von dem man nichts brauchte.
Ob man Verantwortung übernahm, wenn man einen Fehler gemacht hatte.
Ob die eigenen Werte auch dann galten und gelebt wurden, wenn niemand zusah.
Da verstand sie:
Haltung zeigt sich nicht darin, welche Werte wir aufschreiben.

Das wirkliche Leben
Vielleicht war ihr das selbst oft entgangen.
Sie hatte geglaubt, Entwicklung müsse sich groß anfühlen.
Transformation.
Durchbruch.
Erwachen.
Neues Bewusstsein.
Aufstieg.
Dabei zeigte sich Veränderung oft ganz unscheinbar.
In einer anderen Antwort.
Einer Grenze.
Einem Nein.
Einer Pause.
Einem ehrlichen:
„Das weiß ich nicht.“
Darin, nicht zurückzuschlagen.
Oder endlich zu widersprechen.
Darin, jemanden anzurufen.
Oder eine Nummer nicht mehr zu wählen.
Darin, um Hilfe zu bitten.
Oder Hilfe anzubieten.
Darin, sich auszuruhen, obwohl noch vieles auf der To-do-Liste stand.
Darin, einen Fehler zuzugeben.
Oder beim Kartoffelschälen plötzlich zu merken:
Ich bin nicht mehr dieselbe Frau, die ich einmal war.

Nicht besser.
Nicht höher entwickelt.
Nicht erleuchteter.
Nur viel mehr bei mir selbst.
Zuhause im Augenblick
Am nächsten Morgen stand die Frau wieder an ihrer Kaffeemaschine.
Der Kaffee lief in ihre Tasse.
Draußen begann ein neuer Tag.
Sie dachte an all die Orte, an denen sie einmal nach Antworten gesucht hatte.
Und war dankbar für viele davon.
Sie hatten ihr etwas gegeben.
Impulse.
Wissen.
Menschen.
Erfahrungen.
Samen.
Aber leben musste sie all das hier.
Zwischen Kaffeemaschine und Waschmaschine.
Zwischen Arbeit und Hundespaziergang.
Zwischen Freude und Überforderung.
Zwischen Menschen.
Mitten im Alltag.
Mitten im Unperfekten.
Mitten im Leben.
Sie nahm ihre Tasse und trat ans Fenster.
Draußen bewegten sich die Blätter eines Baumes im Wind.
Für einen Augenblick war nichts Besonderes.
Und genau deshalb war alles da.
Die Frau lächelte.
Vielleicht war Erleuchtung tatsächlich nie das große Licht gewesen, auf das sie gewartet hatte.
Vielleicht waren es diese kleinen Augenblicke, in denen etwas, das sie lange wusste, plötzlich Leben geworden war.
Sie nahm einen Schluck Kaffee.
Und dachte:
Manchmal findet uns die Erleuchtung eben nicht auf dem Meditationskissen.

Sondern an der Kaffeemaschine.
Bildideen & künstlerische Konzeption: Tanja Vießmann-Schmell · visuelle Umsetzung mit Unterstützung von ChatGPT/OpenAI.
Vielleicht magst du dir heute eine Frage mitnehmen:
Wo ist etwas, das du lange wusstest, in deinem Leben irgendwann zu etwas geworden, das du tatsächlich lebst?
Vielleicht war es kein großer Durchbruch. Vielleicht nur eine andere Reaktion. Eine Grenze. Ein Nein. Ein Moment der Dankbarkeit. Oder die Erkenntnis, dass etwas, das dich früher aus der Bahn geworfen hätte, plötzlich keine Macht mehr über dich hatte.
Manchmal sind genau das unsere stillsten und gleichzeitig größten Veränderungen.
Vielleicht müssen wir nicht immer nach dem nächsten Erkenntnisfunken suchen. Manchmal dürfen wir bemerken, was längst Leben geworden ist.
🎧 Du möchtest die Geschichte lieber hören?Die Frau, die auf ihre Erleuchtung wartete gibt es auch als Podcastfolge von Zuhause in mir.
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